Es gibt ein Leben trotz der Uni…

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Seit Jahren schon kämpft die Juso-HSG für ein selbstbestimmtes Studium. Leider werden uns seitens Rektorat und Dekanat dabei immer wieder Steine in den Weg gelegt. Dabei muss auch den Verantwortlichen an diesen Stellen inzwischen klar sein, dass ihr Vorgehen ganz eindeutig rechtswidrig ist!

Das Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung hat die Anwesenheitspflichten nach unserem Hinweis schon als rechtswidrig anerkannt, bislang versucht die Uni das aber immer wieder plump zu umgehen:

So musste das Dekanat auch diesmal zurückrudern und die Anwesenheitspflicht für das WiSe 12/13 rückwirkend aussetzen!
Was das für Euch bei der Prüfungsanmeldung im konkreten Fall bedeutet, erläutern wir Euch gerne. Sprecht uns im AStA einfach darauf an.

Die Juso-Hochschulgruppe kämpft für ein selbstbestimmtes Studium:

  • Endgültige Abschaffung der Anwesenheitspflicht!
  • Mehr Freiheiten im BA- und MA-Studium durch Revision von Modulabhängigkeiten und massive Erweiterung der Wahlmöglichkeiten!
  • Keine unbeschränkte Ökonomisierung von Forschung, Studium und Lehre!
  • Kleine Fächer retten und Abschlussgarantie für auslaufende Fächer!

Deshalb vom 14. bis zum 17. Januar 2013 die Juso-Hochschulgruppe wählen!

Nach einem mittlerweile über drei Jahre währenden Kampf der Juso-HSG gegen die Anwesenheitspflicht führte eine Rechtsaufsichtsbeschwerde beim NRW-Wissenschaftsministerium, die durch den damaligen Referenten für Hochschulpolitik Niklas Beckmann bereits im Dezember 2010 für den damaligen Juso-HSG-geführten AStA eingelegt und seit dieser Zeit durchgehend aktiv begleitet wurde, im Sommer 2011 zu einem späten Erfolg und damit unter anderem zu einem universitätsweiten Verbot genereller Anwesenheitspflichten in zukünftigen Prüfungsordnungen durch das Rektorat, einer andauernden Aussetzung von Anwesenheitspflichten an der Philosophischen Fakultät und einem NRW-weiten Grundsatzerlass des Ministeriums. Bis zum selbstbestimmten Studium ist es dennoch noch ein weiter Weg. Anwesenheitspflichten müssen in einem breiteren Kontext betrachtet werden.

Zwei Begriffe von Bildung lassen sich unterscheiden: ein objektiver und ein subjektiver. Diesen Begriffen entsprechen zwei unterschiedliche Ansichten darüber, was Bildung ist und leisten soll.

Der objektive Bildungsbegriff spiegelt das heute wohl vorherrschende Verständnis von Bildung wieder, das auch den Veränderungen des Studiums im Rahmen des Bologna-Prozesses zugrunde lag. Bildung objektiv zu verstehen, bedeutet, von einem ganz bestimmten Wissenskanon auszugehen, der Studierenden vermittelt werden soll. Bildung besteht demnach in der (modulweisen) Übertragung des objektiv klassifizierbaren Wissensumfangs eines Fachs oder Studiengangs auf die Studierenden mittels Lehre. Der Studierende ist nach diesem Verständnis ein leeres Glas, das es je nach Studiengang mit ganz bestimmtem Wissen zu füllen gilt. Klausuren und Abschlusszeugnis dienen als Nachweis des Erwerbs dieses Wissens.

Der subjektive Begriff von Bildung setzt, wie man vermuten könnte, am Subjekt an. Bildung wird hier verstanden als kritische Aneignung des Wissenskanons des gewählten Fachs, geleitet von und orientiert an eigenen Fragen und Interessen, nicht zuletzt zur Herausbildung eigener Positionen. Gerade für die Geistes- und Sozialwissenschaften ist dieses Verständnis von Bildung ganz besonders wichtig.

Beide Ansichten sind auf elementarer Ebene nicht miteinander vereinbar. Entweder Studierenden wird das zu absorbierende Wissen ohne Ansehung ihrer Interessen schlicht vorgegeben oder man erlaubt ein selbstbestimmtes Studium, bei dem dann aber nicht mehr kontrollierbar ist, welches Wissen erworben wird.

Die Bologna-Studiengänge, ganz besonders die „grundständigen“ Bachelor, folgen auch in Bonn dem Leitbild des objektiven Bildungskonzepts, was oft auch unter dem Schlagwort der „Verschulung“ thematisiert wird. Möglichkeiten, ein Studium nach eigenen Interessen zu gestalten, sind dabei kaum gegeben. Inhaltliche Wahlmöglichkeiten bei Nebenfächern, Wahlpflichtmodulen und Veranstaltungen innerhalb von Modulen sind in den meisten Fällen äußerst eingeschränkt und in jedem Fall nicht feinkörnig genug, um ein interessengeleitetes Studium zu ermöglichen.

Auch Anwesenheitspflichten widersprechen einem subjektorientierten Verständnis von Bildung, weil sie Studierende dazu zwingen sollen, sich unabhängig von ihren Interessen sogar noch über die Vorbereitung der Modulprüfung hinaus mit den Inhalten einer Veranstaltung zu beschäftigen. Gleichzeitig machen sie in der Praxis eine Beschäftigung mit anderen als den vorgegebenen Inhalten der Module zeitlich schlicht unmöglich.

Glücklicherweise genießt subjektive Bildung im deutschen Recht den Status eines durch die Verfassung geschützten Rechtsguts aus alten Tagen. Aus der Wissenschaftsfreiheit des Art. 5 Abs. 3 Grundgesetz haben Richter die sog. „Studierfreiheit“ konkretisiert, die sich zusätzlich auch im Hochschulrecht des Bundes und der Länder findet. Schließlich seien Studierende ebenso Teil der Wissenschaftsgemeinschaft wie Professoren. Vom unmündigen Schüler, der einem vorgegebenen Stundenplan folgt, seien sie klar zu unterscheiden. Es ist offensichtlich, dass der Bologna-Prozess meilenweit an diesen, der Studierfreiheit zugrunde liegenden Überlegungen, vorbei entworfen wurde. Es war eben die rechtlich verbriefte Studierfreiheit, die uns erlaubte, rechtlich erfolgreich gegen die Anwesenheitspflichten vorzugehen.

Wir, die Juso-Hochschulgruppe Bonn, wollen uns auch in Zukunft für eine Rückkehr zum subjektorientierten Bildungsverständnis und damit für ein selbstbestimmtes Studium einsetzen. Wir glauben, dass Absolventen, die ein Studium betrieben haben, das die Persönlichkeit bildet und die Prinzipien der Wissenschaftlichkeit (fragende, kritische Haltung, Problem- und Methodenbewusstsein, Strukturierungsfähigkeit, Selbstständigkeit) und des forschungsorientierten Lernens vermittelt, im dringenden Interesse einer freiheitlichen, gerechten und nachhaltigen Gesellschaft sind. Dem hingegen hat das Bologna-System den ökonomisch-volkswirtschaftlichen Zweck des Studiums mit seinem verdinglichten Bildungsverständnis einseitig verabsolutiert.

Der Einsatz für ein selbstbestimmtes Studium ist ein Kampf um mehr Freiheiten, vor allem in den Prüfungsordnungen, die vom Senat und den Fakultätsräten beschlossen werden. In diesem Zusammenhang hat der Vertreter der Juso-HSG im Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät anlässlich der während des Wintersemesters dort stattfindenden Überarbeitung aller Studiengänge fast ein Dutzend Anträge eingebracht, die ihr auch auf unserer Homepage findet.